Höhlenforscher gehen Heidenloch auf den Grund
Vier Kletterer stiegen in den Geheimnis umwitterten Schacht auf
dem Heiligenberg - Jede Menge Müll und Münzen zu Tage
gefördert
Fritz
Schöbinger, Christian Kohl und Konsorten sind dem Heidenloch
einmal auf den Grund gegangen. Die keltische Kultstätte auf
dem Heiligenberg wurde dabei von teils mehrere Jahre altem Müll
gesäubert. Frieren mussten die Männer jedenfalls nicht:
In 56 Metern Tiefe herrschen angenehme Temperaturen.
Foto: Kresin
Von Steffen Liebendörfer
"Dreck ohne Ende und Geld ohne Ende", stöhnte Christian
Kohl beim Kriechen aus dem Heidenloch auf dem Heiligenberg. Vier
Kletterer und Höhlenforscher hatten sich an der keltischen
Kultstätte versammelt, um darin zu Klettern, Bergungstechniken
zu üben - und den teils Jahre alten Müll an die Oberfläche
zu hohlen.
"Licht aus", erklang eine Stimme aus der Tiefe. Gesagt,
getan: Die Beleuchtung des Heidenlochs erlosch, um das Herumklettern
in Höhlen realistischer zu simulieren. Wenige Minuten später
krochen zwei Männer aus dem Schacht, durchgeschwitzt und außer
Atem: Christian Kohl und Fritz Schöbinger waren die erste Gruppe,
die sich in die Tiefe gewagt hatte. Begleitet wurden sie von einem
großen Müllsack, der bis oben gefüllt wieder ans
Tageslicht kam. Beim Ausleeren rollten Münzen mit teils deutlichen
Altersspuren in den Währungen D-Mark, Euro und Dollar heraus,
eine ganze Menge Bierflaschen und Plastikbehälter, dazu Laub
und Äste. Als ungefähr einen Meter hoch beschrieb Kohl
die meist aus Ästen bestehende Holzschicht auf dem Schachtgrund.
Abgesehen vom nicht ganz unerwarteten Müll gab es keine großen
Überraschungen. "Man guckt natürlich immer noch nach
einem Loch", berichtete Kohl von seinem ersten Heidenloch-Abstieg.
Und: Er sei fündig geworden, eine zweieinhalb Meter tiefe Einbuchtung
befinde sich seitlich am Grund des Schachts, erzählt er von
der Entdeckung und relativiert sogleich: "Aber sonst ist da
nichts mehr." Für Höhlenforscher sei der Eindruck
im Inneren und der Tiefe nichts Ungewohntes, nicht einmal die Temperatur.
"Etwa acht bis neun Grad Celsius - Höhlentemperatur",
schätzte Kletterer Fritz Schöbinger. "Oben friert
man und unten ist es angenehm", bestätigte Kohl.
Dabei kann ein Ausflug in die Tiefe solcher Schächte und (Höhlen-) Löcher
auch sehr unangenehm enden. Sorge bereitete das eventuelle Vorhandensein
von Kohlenstoffdioxid. Durch Verwitterung der rund einen Meter hohen
Holzschicht auf dem Schachtgrund hätte das geruchslose und
zum Erstickungstod führende Gas freigesetzt werden können.
Da es schwerer ist als Sauerstoff, bestand die Möglichkeit,
dass es wie eine Säule im unteren Teil des Heidenlochs stand.
"Wir waren darum sehr vorsichtig und haben für die letzten
15 Meter beim Abstieg sicher zehn Minuten gebraucht", sagte
Kohl.
Die Temperaturdifferenz zwischen der Erdoberfläche und dem
Inneren des Lochs sorge für einen Konvektionsstrom, wodurch
kalte Luft nach unten abfalle und eine Zirkulation im Inneren entstehe,
erläuterte der erfahrene Kletterer.
Wer die Innenseite der den Locheinstieg umfassenden Betonmauer
genau betrachtet, findet handfeste Beweise für diese Erklärung:
Luftfeuchtigkeit ist daran gefroren und bildet eine richtige Eisschicht
- ein Phänomen, das nur auf aufsteigende Luftfeuchtigkeit zurückzuführen
ist. Im Sommer im Heidenloch zu klettern ist Kohl zufolge gefährlich:
"Da verhält es sich mit dem Temperaturunterschied genau
umgekehrt und das Risiko wäre wesentlich höher."
Für die beteiligten Höhlenforscher war es der erste Abstieg
ins Heidenloch. "Das Schöne an dem Schacht ist sein Alter,
dadurch kommt er einer natürlichen Höhle sehr viel näher
als beispielsweise ein Kamin", freute sich Schöbinger,
ebenfalls einer der Kletterer über die Gelegenheit. Natürliche
Höhlen sollen von Mitte Oktober bis Mitte April nicht begangen
werden. "Wegen der Fledermäuse, die man sonst aus ihrem
Winterschlaf wecken würde. Die Tiere würden das nicht
überleben", sagte Schöbinger. Die Kooperation zwischen
dem Deutschen Alpenverein Heidelberg und der Schutzgemeinschaft
Heiligenberg bezeichnete Kohl "als eine gute Art und Weise,
wie sich ein Verein der Öffentlichkeit darstellen kann."
Wenn man schon im Heidenloch klettere, so könne man den Müll
gleich mit entfernen, meinte Kohl, der sich so mit seinen Klettererkollegen
in den Dienst der Schutzgemeinschaft gestellt hatte. "Wir haben
geeignete Seile mit hinreichender Länge", verwies Kohl
auf die Ausstattung der Höhlenforscher. Zudem bot die Aktion
die Möglichkeit, unter realitätsnahen Bedingungen außerhalb
der Höhlensaison zu üben. Und außerdem: Wer kann
schon von sich sagen, im Heidenloch ganz unten gestanden zu haben?
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